Maria von Doroslovo

12 Sterne-Kurier Nr. 65/Juni 2019: Madonna von Doroslovo

als glaubende Christen müssen wir gemeinhin eher beklagen, dass die moderne und meist profane Kunstwissenschaft die Analyse und Interpretation von religiösen Werken ohne deren spirituellen Inhalte betreibt. Dennoch wollen wir heute zwei Werke vorstellen, die in besonderer Beziehung zu unserem Anliegen des Erhalts des Christentums in Europa beitragen.

Mater Dolorosa

Das erste Werk zeigt eine Studie des Malers Ludovico Seitz (1844-1908), die vor kurzem aufgetaucht ist und sich nun in Loreto befindet. Ludovico (oder: Ludwig) Seitz war ein prominenter Maler im 19. Jahrhundert und stand in der Tradition der Nazarener. Er widmete sich in seiner Malerei vornehmlich religiösen Motiven. Ein Nachfahre von Ludovico Seitz, der Konzertmeister war, lebt in Beuron. Ludovico Seitz modelliert das Blatt in meisterlicher Form mit kräftigen Hell-Dunkel-Kontrasten. Die Zeichnung zeigt in der Mitte die schmerzerfüllte Gottesmutter Maria gestützt von Maria Magdalena und dem Apostel Johannes – eine typische Konstellation bei Kreuzigungsgruppen. Untypisch ist hingegen, dass der Gekreuzigte gar nicht Teil des Bildes ist. Dieser Umstand mag dem Studiencharakter der Zeichnung geschuldet sein, doch eröffnet sich so auch eine neue Perspektive auf die Kreuzigung. Maria rückt völlig ins Zentrum der Darstellung. Trotz ihres Schmerzes steht sie ganz im Licht des Glaubens. Und auch Maria Magdalena und Johannes erscheinen in neuem Licht. Sie halten nicht nur ihrem Herrn bis zuletzt die Treue, sondern auch seiner Mutter Maria.

Maria von Doroslovo

Das zweite Kunstwerk ist eine Mariendarstellung der von uns so zentralen Bibelstelle in der Offenbarung des Johannes 12,1. Sie stammt aus dem Besitz von Fr. Geissmann aus Wohlen in der Schweiz, die uns bereitsfür viele Anliegen mit Kunstwerken unterstützt hat, darunter auch die Figur der Maria Mutter Europas auf dem Gnadenweiler. Mit der Maria Mutter Europas, die wir heute vorstellen, hat uns Frau Geissmann die zweite Madonna für unsere Gebetsstätten in der Rosenkranzgemeinschaft „Maria Mutter Europas“ gespendet. Hierfür danken wir ihr von ganzem Herzen. Für die Vorstellung der Figur konnten wir P. Augustinus Gröger OSB, einen Mitbruder von P. Notker im Kloster Beuron gewinnen. Die Figur wurde in Engelthal restauriert und wird während der Donauwallfahrt im Juni von Erzbischof Emeritus Robert Zollitsch und P. Notker im serbischen Doroslovo eingesegnet. P. Augustinus beschreibt die Figur so: Die Marienfigur ist laut Antiquarin, Frau Geissmann, Wohlen/Schweiz, und nach den Bourbonenlilien auf dem Mantel französischen Ursprungs, um 1720 im frühen Style Régence entstanden, 120 cm hoch mit bis auf das Gesicht weitgehender Originalfassung. Sie scheint untersichtig gearbeitet zu sein, d.h. für einen optimalen Eindruck muss sie der Betrachter von unten sehen. Mögliche Attribute, Krone auf dem Haupt und Zepter in der freien Hand, sind verloren. Elegant, doch ohne alle weltliche Raífinesse tritt dem Betrachter beschwingten Schrittes in Sandalen eine edle, nach dem weißen Hermelinfutter königliche Dame entgegen, der man ansieht, dass sie mehr verkörpert als oberflächlichen Glanz. Ihr Antlitz unter reichem, von einem Band gebändigtem, aın Hinterkopf gebundenem Haar macht einen gesammelten Eindruck, die Augen niedergeschlagen auf den Beter gerichtet, die Lippen leicht zu einem Lächeln wie zu einem guten Wort geöffnet, das der Hilfe suchende, bittende Mensch braucht, nicht das Iesuskind. Je nach Perspektive kann man sich auch von mitfühlender Sorge angeschaut sehen. Der Knabe, hübsch pausbackíg mit steiler Stirn wohl ganz in originaler Fassung, wendet sich in entgegengesetzter Richtung mit wachen Augen und ausgebreiteten Ärmchen den Besuchern zu – Jesus und Maria gewissermaßen nach allen Richtungen den Menschen zugetan, dem einzelnen und darüber hinaus europa-, ja umfassend weltweit. Warum aber muss das Kind bis auf ein winziges Schamtuch nackt sein in auffälligem Gegensatz zu der nicht übertrieben, aber doch vornehm gekleideten Mutter? Um sein Gottsein zu verdeutlichen, thronte der Herr bis zur Gotik als Erwachsener in Kindformat, in herrscherlicher Haltung und Kleidung auf dem Schoß Mariens, dem Sitz der Weisheit, die Christus ist. Die Gotik begann ihn als Kind und nackt darzustellen, um sein Menschsein zu betonen: der Gottessohn, das WORT, das Gott war und Fleisch, also realer Mensch geworden ist (vgl. Joh 1,1.14). Beim heiligen Paulus liest sich das so: „Gottgleich, hielt er nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde den Menschen gleich. … Er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod am Kreuz“ (Phil 2,6-8), wo er in äußerster Solidarität mit uns, der Kleider beraubt, wiederum nackt, den Blicken und dem Spott der Welt ausgesetzt ist. Er hat also, sich entäußernd, gewissermaßen seinen himmlischen Ornat samt Insignien
ausgezogen und damit Maria und mit ihr die Kirche bekleidet, allerdings in umgekehrter Farbfolge. Trägt der erwachsene Christus gewöhnlich das, was ihm zunächst ist, direkt am Körper, nämlich das Blau seines Gottseins, und darübergezogen den Mantel im Rot seines Geschöpf- und Menschseins, so liegt der Gottesmutter das Rot ihres Menschseins direkt am Körper, hier ein gedämpftes Rot auf silberner Grundlage, „Lüsterfassung“ genannt. Darüber der Mantel im Blau der Gnade Christi – „voll der Gnade“ (Lk 1,28.30): das Rot der sündigen Menschheit, aus der sie stammt, überfangen von der Erlösung durch den Gottessohn. Aber auch dies: im Rot überströmt vom Blut des Gotteslammes (Vgl. Offb 7,14; Joh 1,29), reingewaschen vom Makel der Ursünde. Das Weiß des Hermelinfutters lässt sie teilhaben an der Auferstehung und Verklärung Jesu. Schließlich verweist das Gold der Lilienzier auf die über alles kostbare Herrlichkeit des Himmels, in die der Herr sie erhoben hat. Das heißt: Was Maria ausmacht, hat sie nicht aus sich selbst, sie verdankt es ganz dem Sohn; immer deutet sie auf ihn hin. Auf ihn kommt es an. Eine aussagestarke Figur, zugleich wahrhaft europäisch, da im Westen entstanden und nun zu neuer Verehrung erweckt im Südosten. Man muss oft bei ihr verweilen, um den himmlischen Trost, den sie in die Nöte des Lebens hinein vermitteln will, im Herzen Wurzel fassen zu lassen.“

Jesuskind

An dieser Stelle beenden wir unseren Ausflug in die religiöse Kunstgeschichte. In der Woche nach Pfingsten wird eine Buswallfahrt entlang der Donau in die Batschka führen, über die wir in der nächsten Ausgabe berichten. Zu den Stationen gehört auch das siebte Gotteshaus unserer Gebetsgemeinschaft in der Erzabtei Pannonhalma, wo P. Notker seinen Geburtstag feiern wird.